Recruiting & Employer Branding im KI-Zeitalter neu denken

Recruiting & Employer Branding im KI-Zeitalter neu denken
Mitschnitt-Länge: 40 Minuten
Mitschrift verfügbar

Wie KI Recruiting-Prozesse, Candidate Experience und rechtliche Anforderungen verändert – und wo menschlicher Kontakt unverzichtbar bleibt.

Recruiting-Expertin Lisa Prommer und Co-CEO Dimitri Knysch diskutieren, wie sich Recruiting-Prozesse und die Rolle von Recruiting-Teams unter dem Einfluss von Künstlicher Intelligenz verändern. Im Zentrum steht die Frage, wie Unternehmen in Startups, KMU und größeren Organisationen Effizienz, Candidate Experience, rechtliche Anforderungen und die Balance zwischen Mensch und Technologie strategisch austarieren. Die Panelisten bringen unterschiedliche Perspektiven ein: Prommer arbeitet vor allem mit Unternehmen, die noch keine ausgereiften Prozesse oder Systeme etabliert haben, und kennt beide Seiten – Unternehmens- und Bewerberperspektive. Knysch steuert Erfahrungen aus der Arbeit mit größeren Unternehmen bei, in denen Effizienz und Skalierbarkeit im Vordergrund stehen und KI-basierte Tools wie Video-Assessments und Bewerbermanagement-Systeme bereits zum Einsatz kommen.

Im Austausch werden zentrale Herausforderungen und Lösungsansätze sichtbar: Zwischen Unternehmen und Bewerbenden besteht häufig ein Kommunikations- und Erwartungs-Gap, der zu Missverständnissen führt. KI-gestützte Prozesse ermöglichen zwar eine größere Reichweite und Effizienz, können aber die persönliche Beziehung und Wertschätzung beeinträchtigen. Die Panelisten diskutieren, an welchen Stellen Technologie sinnvoll eingesetzt werden kann und wo menschlicher Kontakt unverzichtbar bleibt. Empfehlungen und persönliche Netzwerke werden als nachhaltigere Zugangswege zu Arbeitsbeziehungen hervorgehoben, während klassische Bewerbungsprozesse zunehmend durch digitale Tools ergänzt werden. Die Einführung neuer rechtlicher Rahmenbedingungen wie des geplanten KI-Governance Acts erfordert eine strategische und wertebasierte Herangehensweise. Unternehmen sind gefordert, Leitprinzipien für den Einsatz von Technologie zu entwickeln, Prozesse flexibel zu gestalten und kontinuierlich Feedback von Bewerbenden einzuholen.

Zwischen dem, was Unternehmen als Candidate Experience gestalten und dem, was Bewerbende tatsächlich erleben, klafft oft eine Lücke – weil Prozesse zu sehr aus Unternehmenssicht optimiert und Bewerber selten wirklich einbezogen werden.
 

– Lisa Prommer

Technologie im Recruiting kann Chancen schaffen, aber wenn beide Seiten Prozesse nicht verstehen, entsteht schnell ein Wettrüsten: KI gegen KI – und der Mensch droht auf der Strecke zu bleiben.
 

– Dimitri Knysch

Recruiter sind heute mehr denn je Beziehungsmanager: Sie müssen bewusst entscheiden, wo Menschlichkeit zählt und wo KI sinnvoll unterstützt, um eine Arbeitsbeziehung auf Augenhöhe zu gestalten.
 

– Lisa Prommer

  • Zwischen Unternehmen und Bewerbenden besteht häufig ein Gap im Verständnis der Candidate Experience, was zu Missverständnissen und Frustration führt.

  • Künstliche Intelligenz ermöglicht effizientere Prozesse und eine größere Anzahl an Bewerbungen, birgt aber die Gefahr, dass der Mensch und die Beziehungsgestaltung in den Hintergrund geraten.
  • Der verdeckte Arbeitsmarkt und Empfehlungen führen häufig zu nachhaltigeren Arbeitsbeziehungen als klassische Bewerbungsprozesse über öffentliche Ausschreibungen.
  • Recruiter müssen bewusst abwägen, an welchen Stellen Technologie sinnvoll eingesetzt wird und wo menschlicher Kontakt essenziell für die Beziehung und Fairness bleibt.
  • Die Einführung des EU KI Governance Act und weitere rechtliche Rahmenbedingungen erfordern eine strategische und wertebasierte Herangehensweise an den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Recruiting.

Die Diskussion um Recruiting im Kontext von Künstlicher Intelligenz legt einen fundamentalen Zielkonflikt offen: Effizienzsteigerung und Skalierbarkeit durch Technologie stehen einer nachhaltigen Beziehungsgestaltung und Fairness im Auswahlprozess gegenüber. Die Panelisten adressieren die strukturelle Verschiebung von Verantwortung – weg von Recruiter:innen als Beziehungsmanager:innen hin zu einer Rolle als Dirigent:innen komplexer Toolsets. Dabei wird deutlich, dass der blinde Fleck vieler Organisationen weniger in der Auswahl der Tools als in der fehlenden Reflexion über deren Auswirkungen auf Candidate Experience und Unternehmenskultur liegt. Die Transformation des Recruitings wird nicht allein durch technische Innovationen getrieben, sondern durch die Fähigkeit, technologische Möglichkeiten mit rechtlichen, ethischen und kulturellen Anforderungen zu balancieren. Die Einführung neuer Governance-Rahmen wie des KI Governance Act verschärft diesen Wandel, indem sie Unternehmen zwingt, ihre Prozesse nicht nur auf Effizienz, sondern auch auf Legalität und Werteorientierung auszurichten.

Für die operative Praxis bedeutet das: Recruiting-Teams müssen Prinzipien und Leitplanken definieren, die sowohl technologische als auch menschliche Aspekte integrieren. Die bewusste Entscheidung, an welchen Prozesspunkten Technologie Mehrwert schafft und wo persönlicher Kontakt unverzichtbar bleibt, wird zum strategischen Differenzierungsmerkmal. Der Beitrag fordert dazu auf, Feedbackschleifen mit Kandidat:innen zu etablieren, Prozesse kontinuierlich zu testen und Governance-Strukturen flexibel anzupassen. Damit verschiebt sich der Fokus vom reinen Tool-Einsatz hin zur Entwicklung einer lernenden, anpassungsfähigen Recruiting-Organisation. Die zentrale Reflexion: Nachhaltige Talentgewinnung gelingt nur, wenn Effizienz, Fairness und Beziehungsqualität nicht als Gegensätze, sondern als gleichwertige Ziele verstanden und operationalisiert werden.

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