Workforce Management: ATOSS zeigt, wie weit Agentic AI in der Praxis wirklich schon ist

ATOSS berichtet von einem ersten eigenen KI-Agenten, der bei ausgewählten Kunden live ist, und konkretisiert zugleich die nächsten Schritte seiner Agentic-AI-Roadmap. Für das Workforce Management wird damit sichtbar, wie sich KI von Prognose und Assistenz in Richtung eigenständig ausführbarer Aufgaben weiterentwickelt. (Quelle: ATOSS 2026) (Quelle: ATOSS 2026)

Wenn es um Agentic AI in HR und Workforce Management geht, richtet sich der Blick schnell auf die großen US-Suiten. Dabei lohnt auch der Blick auf europäische Anbieter. Unser Veranstaltungspartner ATOSS aus München hatte bereits auf der Shift/HR Workforce Management Konferenz 2025 gezeigt, wie KI und prädiktive Analytik die Personaleinsatzplanung unterstützen können. Dr. Boris Baginski stellte dort KI-basierte Prognosen und Ansätze für eine proaktivere Steuerung des Personaleinsatzes vor. In unserem Rückblick auf die Konferenz haben wir die Entwicklung als Schritt von der reaktiven Planung hin zu einer stärker prognosebasierten Steuerung eingeordnet.

Ein Jahr später wird daraus der nächste Entwicklungsschritt: Im Earnings Call zum ersten Halbjahr 2026 berichtete ATOSS, dass ein erster eigener Agent bereits bei ausgewählten Kunden live sei. Ein breiterer Rollout soll im dritten Quartal folgen. Parallel weist die aktuelle Produkt-Roadmap weitere spezialisierte Agenten für Ende 2026 und die Folgejahre aus. (Quelle: ATOSS 2026)

Im Mai 2026 eröffnete ATOSS zudem einen eigenen AI Technology Hub in Bengaluru. Nach Unternehmensangaben arbeitet das dortige Team an Multi-Agent-Systemen, Conversational AI, Reinforcement Learning, großskaliger Optimierung und Forecasting. Die Entwicklung erfolgt gemeinsam mit den bestehenden R&D-Einheiten in München sowie Sibiu und Timișoara. Ziel sind KI-Agenten, die Arbeit in Echtzeit planen, simulieren und orchestrieren können. (Quelle: ATOSS 2026)

Der erste ATOSS-Agent ist bei ausgewählten Kunden live

Wie sich die Entwicklung konkretisiert, zeigt die im Juli veröffentlichte Roadmap. Für das zweite Quartal 2026 kennzeichnet ATOSS dort einen „Agentic use“ bereits als umgesetzt: einen chatbasierten KI-Assistenten, der Routineaufgaben in der Planung beschleunigen und automatisieren soll. Für das vierte Quartal nennt ATOSS einen „Expert Agent V1“ für Information Retrieval und Task Execution sowie einen „Staff Center Agent“ für Self-Service-Anwendungsfälle. (Quelle: ATOSS 2026)

Die Roadmap reicht darüber hinaus bis 2028. Für 2027 sind unter anderem Agenten für Stammdatenmanagement, Workforce-Anomalien, Konfiguration und Wellbeing Insights vorgesehen. Später folgen nach der heutigen Planung unter anderem Workforce Skill Intelligence, Data Quality und ein Schedule Scenario Agent, der unterschiedliche Einsatzplanungsszenarien simulieren und deren Auswirkungen vergleichbar machen soll. ATOSS kennzeichnet KI zugleich als eines der zentralen Investitionsfelder für die kommenden Jahre. (Quelle: ATOSS 2026)

Interessant ist daran weniger die Anzahl angekündigter Agenten. Entscheidend ist die Entwicklungslinie: Auf KI-basierte Forecasts und Workforce Intelligence folgen Assistenten für Planungsaufgaben und anschließend Agenten, die Informationen nicht nur aufbereiten, sondern Aufgaben ausführen sollen. Aus der Unterstützung von Entscheidungen wird damit schrittweise die Übernahme einzelner Handlungsschritte innerhalb des Workforce-Management-Prozesses.

Workday und UKG treiben Agentic AI ebenfalls voran

ATOSS steht mit dieser Entwicklung nicht allein. Auch Workday hat Agentic AI inzwischen in konkrete Produkte überführt. Im März 2026 bezeichnete Workday unter anderem seinen Payroll Agent als verfügbar. Dieser soll Workflows im Payroll-Prozess orchestrieren, fehlende Daten und Konfigurationen identifizieren und Analysen unterstützen. Der Sana Self-Service Agent ist nach Workday-Angaben ebenfalls verfügbar und kann HR- und Finance-Anfragen bearbeiten sowie Aktionen auslösen. (Quelle: Workday 2026)

Mitte Juli kündigte Workday zudem die Workday Rising 2026 vom 12. bis 15. Oktober in Las Vegas an. Agentic HR und Agentic Finance sollen dort einen Schwerpunkt bilden. Workday kündigt Produktdemonstrationen bestehender Agenten ebenso an wie Einblicke in die weitere Roadmap. (Quelle: Workday 2026)

Auch UKG adressiert konkrete agentische Anwendungsfälle. Im Mai 2026 stellte das Unternehmen „UKG Pro Pay with Workforce AI“ vor. Die Lösung kombiniert nach Angaben von UKG agentische, assistive und generative KI für Payroll-Prozesse. Zum beschriebenen Funktionsumfang gehört ein „Payroll Analyst Agent“, der zuvor identifizierte Abweichungen analysiert und mögliche Ursachen sichtbar macht. UKG beschreibt daneben Funktionen für Payroll Auditing, Anomaly Detection und eine KI-gestützte Durchführung des Payroll-Prozesses mit menschlichen Prüf- und Freigabepunkten. (Quelle: UKG 2026)

Im Zusammenhang mit diesen Anwendungen verweist UKG auf eine gemeinsam mit KPMG durchgeführte Untersuchung zu „Payroll Leakage“. Danach können unbeabsichtigte Verluste durch Fehler, ineffiziente Prozesse, Regelabweichungen und andere Ursachen zwei bis vier Prozent der gesamten Arbeitskosten ausmachen. Bei einem großen Unternehmen könne bereits ein Prozent einem Verlust von rund 15 Millionen US-Dollar entsprechen. (Quelle: UKG 2026)

UKG hat darüber hinaus einen People Assist Agent für Google Cloud Gemini Enterprise angekündigt. Dieser soll HR-Service-Anfragen verstehen und Aktionen systemübergreifend auslösen können. So beschreibt UKG beispielsweise einen Onboarding-Prozess, bei dem eine Anfrage in Gemini Enterprise einen Workflow in UKG startet und weitere HR-, Payroll- und IT-Prozesse anstößt. Zum Zeitpunkt der Ankündigung Ende April stellte UKG die allgemeine Verfügbarkeit über die Gemini Enterprise Agent Gallery und den Google Cloud Marketplace für Juli 2026 in Aussicht. (Quelle: UKG 2026)

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Der Vergleich braucht mehr als die Frage nach dem ersten Agenten

Die Beispiele machen deutlich, warum sich der Entwicklungsstand von Agentic AI nicht sinnvoll über ein einfaches Anbieter-Ranking abbilden lässt. Workday dokumentiert bereits verfügbare Agenten. UKG beschreibt konkrete agentische Anwendungen für Payroll und HR Service Delivery. ATOSS wiederum verbindet einen nach Unternehmensangaben bereits bei ausgewählten Kunden laufenden Agenten mit einer detaillierten, speziell auf Workforce Management ausgerichteten mehrjährigen Roadmap. (Quelle: Workday 2026) (Quelle: UKG 2026) (Quelle: ATOSS 2026)

Für unsere Einordnung ist gerade diese Entwicklung bei ATOSS interessant. Wir konnten im vergangenen Jahr auf der Workforce Management Konferenz 2025 bereits sehen, wie KI-basierte Prognosen und Planungsunterstützung in das Workforce Management einziehen. Die aktuelle Entwicklung führt diesen Ansatz nun in Richtung agentischer Systeme weiter. Damit verschiebt sich zugleich die Frage, anhand welcher Kriterien Workforce-Management-Systeme künftig bewertet werden sollten.

Was das für die Systemauswahl heißt

Unser Systemkategorien-Überblick zu Workforce Management bewertet bewusst keine einzelnen Anbieter. Die aktuellen Entwicklungen ergänzen diese Betrachtung aber um eine neue Dimension. Neben Funktionsumfang, Integrationsfähigkeit und analytischer Unterstützung wird zunehmend relevant, welchen Handlungsspielraum ein KI-Agent innerhalb eines konkreten Workforce-Prozesses tatsächlich erhält.

Für die Bewertung lohnt deshalb eine genauere Unterscheidung:

  • Ist ein Agent angekündigt, im Early Access, allgemein verfügbar oder bereits bei Kunden im operativen Einsatz?
  • Liefert er Informationen und Empfehlungen oder führt er selbst Aufgaben und Prozessschritte aus?
  • Welche Aktionen benötigen weiterhin eine menschliche Prüfung oder Freigabe?
  • Auf welche Workforce-Daten, Geschäftsregeln und angebundenen Systeme kann der Agent zugreifen?
  • Wie werden Entscheidungen, Aktionen und Ausnahmen dokumentiert?
  • Wo endet die Autonomie des Agenten und wie lässt sich diese Grenze organisatorisch steuern?

Die Frage verschiebt sich damit von „Welche KI-Funktionen bietet die Software?“ zu „Welche Aufgaben kann ein Agent tatsächlich übernehmen – und unter welchen technischen und organisatorischen Leitplanken?“.

Genau daran schließen auch unsere bisherigen Diskussionen über Agentic AI in HR und KI in der Personaleinsatzplanung an. Mit dem Übergang von Assistenz zu ausführenden Agenten werden nicht nur neue technische Möglichkeiten sichtbar. Gleichzeitig verändern sich Fragen nach Verantwortung, Kontrolle, Skills und Governance.

Wie viel Steuerung Workforce-Verantwortliche künftig an Agenten übertragen können und wollen und was das für Skills, Governance und Verantwortung bedeutet, diskutieren wir auch auf der Workforce Management Konferenz am 2. Dezember 2026.

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