
Der Umgang mit KI-Systemen im Lernalltag beschäftigt nicht nur die Corporate-Learning-Welt, sondern die Bildungswelt insgesamt. Auch auf der Learntec 2026 war KI das dominierende Thema. Diskutiert wurden unter anderem die Unterstützung bei der Inhalteerstellung, die Personalisierung von Lernangeboten und die Orientierung bei der eigenen Kompetenzentwicklung. Ein Thema kam mir dabei zu kurz: die Effekte des Cognitive Offloadings.
In unserem Knowhow-Artikel “Lernen durch Abrufen” haben wir dieses Phänomen bereits aufgearbeitet. Risko und Gilbert beschreiben Cognitive Offloading als natürliches menschliches Verhalten:
Offloading ist rational und effizient. Es reduziert kognitive Last und macht Kapazitäten für komplexere Aufgaben frei. Der Preis: Was ausgelagert wird, wird nicht internalisiert.
Für den Lernerfolg muss diesem Effekt aktiv begegnet werden. Kognitive Souveränität sei die wichtigste KI-Kompetenz für Lernende, nicht Prompting - formuliert es Lucca Spohn, Lehrperson und Bildungsforscher, in einem Beitrag auf Substack. Er meint damit die bewusste Entscheidung, welche Aufgaben man an KI abgibt und welche man selbst durchdenken muss. Für diese Entscheidung schlägt er ein Koordinatensystem aus drei Dimensionen vor: Wie generativ ist die Aufgabe? Wie autonom ist die lernende Person bereits? Und hat die Aufgabe Prüfungsbezug? Für den betrieblichen Kontext lässt sich diese letzte Frage übersetzen: Hat die Aufgabe Arbeits-, Transfer- oder Entscheidungsrelevanz?
Was das mit L&D zu tun hat
Was wir schon länger beobachten: Mitarbeitende fragen die KI, bevor sie einen Kurs öffnen. Laut einer Bitkom-Untersuchung von 2024 nutzen mehr als ein Drittel der Beschäftigten KI-Tools für lernbezogene Fragen im Arbeitsalltag. Die Logik dahinter ist nachvollziehbar. Die Antwort kommt sofort, ist kontextnah und erfordert keinen Wechsel aus dem Arbeitsfluss.
Damit stellt sich aber dieselbe Frage wie bei Spohn: Was passiert dabei kognitiv? Wer entscheidet, welche Denkarbeit Mitarbeitende selbst leisten müssen und welche sie delegieren können? Im Schulunterricht ist das ein pädagogisches Problem. Im Corporate Learning ist es ein L&D-Problem. Im Vergleich zur schulischen Bildung haben wir aber erst begonnen, dieses Problem systematisch zu strukturieren.
Im Rahmen vieler KI-Adoptionsprogramme wird diese Frage bereits berührt. Sie darf dort aber nicht stehen bleiben. Denn Cognitive Offloading betrifft nicht nur die Einführung neuer Tools. Es verändert den Lernalltag selbst. Gerade unter Zeitdruck und Ergebnisorientierung greifen Menschen zu Abkürzungen. Das ist verständlich. Problematisch wird es, wenn dadurch Kompetenzen nur scheinbar entstehen: Inhalte werden übernommen, aber nicht verstanden; Ergebnisse werden weitergegeben, aber nicht sicher beurteilt.
Genau hier entsteht eine neue Kernaufgabe für L&D. Es geht nicht nur darum, KI-Nutzung zu ermöglichen. Es geht darum, das Bewusstsein für sinnvolle und riskante Delegation zu schärfen. Mitarbeitende müssen lernen, wann KI eine gute Unterstützung ist und wann sie eigene Denkarbeit ersetzen würde, die für Verstehen, Urteilsfähigkeit und Transfer notwendig bleibt.
Was das für das Lernangebot bedeutet
Wenn kognitive Souveränität das Ziel ist, muss L&D eine andere Frage an das eigene Angebot stellen. Es reicht nicht mehr zu fragen: Vermitteln wir das richtige Wissen? Ergänzend braucht es die Frage: Bauen wir Lernmomente ein, in denen Mitarbeitende Wissen selbst durcharbeiten, prüfen und anwenden, statt es nur abzurufen?
Eine mögliche Konsequenz sind Formate, die nach dem KI-Dialog ansetzen. Reflexionsfragen, Transferübungen und Entscheidungsaufgaben können aus dem KI-Ergebnis heraus zugänglich sein. Sie ersetzen den Dialog mit KI nicht, sondern vertiefen ihn. McKinsey beschreibt in einer Analyse von März 2026, wie L&D-Funktionen ihr Angebot genau in diese Richtung verschieben: weg vom isolierten Event-Lernen, hin zu Anschlussmomenten im Arbeitsfluss. Ob das ausreicht, wissen wir noch nicht. Aber es ist eine plausible Entwicklungsrichtung.
Jan Foelsing bringt zur Learning & Talent Development Konferenz Ideen zum Thema Vibe Learning ein. Darunter versteht er ein Lernen mit KI, bei dem Menschen aktiv in einen produktiven Lernfluss kommen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Verfügbarkeit der KI, sondern die kognitive Aktivierung. Sie entsteht durch geeignete Strukturen, gute Fragen und verinnerlichte Methoden.
Was das für die Aufgabe von L&D bedeutet
Spohn beschreibt für Lehrpersonen eine neue Anforderung: Sie vermitteln nicht mehr primär Inhalte, sondern entscheiden pädagogisch begründet, wann KI hilft und wann sie Lernen behindert. Für L&D entsteht eine vergleichbare Verschiebung. Der Schwerpunkt liegt weniger auf Kursproduktion und stärker auf der Gestaltung von Lernumgebungen.
Josh Bersin hat 2025 dafür den Begriff des Learning Architect ins Gespräch gebracht. Gemeint ist eine Rolle, die nicht nur Lerninhalte erstellt, sondern Wissensartefakte kuratiert, Zugänge gestaltet und Lernpfade strukturiert. Entscheidend ist dann nicht nur, was vor dem ersten Abruf passiert. Entscheidend ist, was danach kommt: Welche Vertiefung wird angeboten? Welche Reflexion wird ausgelöst? Welche Anwendung wird eingefordert?
| Instructional Design | Learning Architecture | |
|---|---|---|
| Primärfokus | Kursstruktur und Didaktik | Wissenszugang und Lernpfad |
| Ausgangsfrage | Wie erklärt man X? | Wer fragt X, wann und warum? |
| Verhältnis zur KI | Ergänzung oder Konkurrenz | Ausgangspunkt für Vertiefung |
| Erfolgsgröße | Kursabschluss, Lernziel | Anschlussverhalten, Transfer |
Diese Gegenüberstellung ist eine Gedankenhilfe, keine feste Taxonomie. Ob L&D-Teams diese Verschiebung vollziehen können, hängt vom Unternehmenskontext ab: von digitaler Reife, Größe, Ressourcen und vorhandenen Lernstrukturen. Was sich aber klar sagen lässt: Wer kognitive Souveränität fördern will, muss Lernangebote stärker an Arbeitsrelevanz, Transfer und Urteilsfähigkeit ausrichten.
Fazit: Fokus auf kognitiver Aktivierung
Lucca Spohn schließt mit einem klaren Statement: Tiefes Lernen hat Vorrang vor effizienter Aufgabenerledigung. Diese Aussage gilt nicht nur für Schulen. Sie gilt auch für betriebliche Weiterbildung, auch wenn dort andere Rahmenbedingungen gelten. Unternehmen brauchen nicht nur schnelle Antworten. Sie brauchen Mitarbeitende, die Antworten einordnen, prüfen und in konkreten Situationen verantwortungsvoll anwenden können.
Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob KI das Lernen effizienter macht. Die wichtigere Frage lautet: Wo muss L&D dafür sorgen, dass Lernen trotz KI kognitiv wirksam bleibt? Genau hier liegt die nächste Entwicklungsaufgabe. L&D muss den Einsatz von KI nicht bremsen. Aber es muss Lernumgebungen schaffen, in denen KI-Nutzung, eigene Denkarbeit und Transfer sinnvoll zusammenspielen.
Diese Diskussion führen wir weiter auf der Learning & Talent Development Konferenz am 17. Juni 2026.
Dieser Artikel ist Teil einer Serie “KI & der Wandel im Lernen” - als Vorbereitung zur Learning & Talent Development Konferenz 2026.
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